Hallelujah, ein offenes Konzept! Teil 1

Unser Großer sollte in den Kindergarten gehen und wir waren sehr froh darüber, dass es beim Kindergarten genau neben der Krippe klappte. Sollten doch ein Großteil der anderen 3-Jährigen auch dorthin wechseln und Momo müsste nicht völlig bei Null anfangen. Als wir aber erfuhren, dass es dort ein offenes Konzept gibt, das seit Jahren versucht wird zu betreiben, wuchs unsere Skepsis, ob wir uns richtig entschieden hatten. Wir hatten nämlich die Befürchtung, dass die offene Arbeit, wie sie im Lehrbuch beschrieben ist, sehr schnell mit Anarchie verwechselt werden würde. Aber zum einen wollten wir über unseren Schatten springen und der Sache einmal eine Chance geben und zum anderen sind wir so eigennützig gewesen die geographischen Vorteile mit ordentlich Gewicht zu belegen. Wir waren also sehr froh, dass Momo lediglich einen Hauseingang eher/später (je nachdem von welcher Seite man kommt) nutzen musste bzw. wir den gleichen komfortablen Weg hatten. Was uns erwarten sollte, konnten wir uns bei aller Kreativität nicht vorstellen.

Es ist später Nachmittag und ein von Arbeit gestresstes Elternteil kommt von der Arbeit, um das liebe Kind aus dem Kindergarten abzuholen. Es steht vor der Eingangstüre und dreht sich links herum. Klingeln braucht es nicht, weil sowohl das Gartentor als auch die Hintertüren(!) zu dieser Zeit weit offen stehen. Als hätten diese sich dem vermaledeitem Konzept angepasst. Das Elternteil steht im Flur und spricht eine Mitarbeiterin an, wo denn ihr Kind sei. Das wüsste sie nicht, entgegnete die Mitarbeiterin. Ein Déjà vu. Genau diese Antwort bekommt es tagtäglich und tagtäglich macht sich das Elternteil voller Motivation auf den Weg das gut betreute Kind zu suchen.

So oder so ähnlich kann und wird es mit Sicherheit an unserem Kindergarten ablaufen. Jedenfalls habe ich jedwede Form der Hoffnung aufgegeben, dass die Struktur “Offenes Konzept” in diesem Kindergarten auch nur annähernd so angegangen wird, dass ein Hauch einer Hoffnung bestünde, dass es funktionieren könnte. Die obige kleine fiktive(?) Geschichte wird bei uns zur Zeit noch nicht erlebt, weil Momo das große Glück hat, dass wir unseren Nachmittag mochten und kein kleines Zickenmonster zu hause haben wollten. Aus diesem Grund wird Momo stets nach dem Mittagessen aus dem Kindergarten abgeholt und hält zu Hause seinen wohl verdienten Mittagsschlaf ab. Das ist gleichzeitig auch dafür verantwortlich, dass wir nur zwei Anlaufpunkte haben, an denen wir Momo zur Abholzeit auffinden können. Wir haben also dahingehend noch einmal “Schwein gehabt”. Doch irgendwann ist meine Elternzeit vorbei und wie es dann ist, darüber möchte ich jetzt lieber nicht weiter nachdenken.

Nichts desto trotz halte ich meine Kritik an einem offenen Konzept wie es an unserem Kindergarten praktiziert wird durchaus fest. Die Liste unserer gefundenen Makel ist so lang, dass man sie durchaus als Wunschzettel für den Weihnachtsmann betrachten könnte, was wir alles gerne verbessert hätten. Aber ich fange einfach mal damit an, dass ich dem Kindergarten vorwerfe das Konstrukt der offenen Tagesgestaltung nicht vollends verstanden zu haben.
So wie das Konzept dort gelebt wird, macht es den Anschein, als benutzen sie dieses, um sich Freiräume zu schaffen und sich zu entlasten. “Kinder die nicht in meinem Raum sind, sind nicht in meinem Verantwortungsbereich”. Und so kann es gut sein, dass alle Räume recht leer sind, die Kinder jedoch unbetreut und sich prügelnd durch die Flure hetzen. Erzieher auf dem Flur? Wozu auch!? Und so kommt es auch immer wieder zu Unfällen bei denen die Erzieher nur mit den Schultern zucken und einem nicht sagen können was, wann, wie, wo passiert ist. Momo z.B. ist einmal die Treppe runtergefallen und keiner hat es gemerkt, ich war total entsetzt, als ich sein zerdelltes Gesicht sah, doch die Erzieherinnen konnten mir nur sagen, als er bei Mittagessen war, war das noch nicht. Na schönen Dank auch.

Es gibt eine Antigewaltfloskel, die allen Kindern auch nur als solche verkauft worden zu scheint: “Stop! Wir reden mit dem Wort!”. Versucht man dieses Mantra mit den prügelnden und schubsenden Knaben auf dem Flur in Eintracht zu bringen, findet man sich vor einer unmöglichen Aufgabe wieder. Wird den Kindern, die einfach nur tun wonach ihnen ist, Einhalt geboten? Definitiv nicht. Hauptsache die Kinder machen das nicht in den Räumen der Erzieherin/-nen.

Ein weiterer Punkt ist der, dass es offenbar nicht mehr möglich und üblich ist Kinder zu Dingen zu animieren. Denn ein offenes Konzept bedeutet auch, dass die Kinder im Alter von 3-6 eigenverantwortlich entscheiden müssen was sie tun. Dass bei einem dreijährigem Jungen wie dem meinigen ein recht limitiertes Spektrum von Dingen vorhanden ist, das da abgespult wird, liegt selbst ohne pädagogische Vorkenntnisse auf der Hand. Toben, prügeln, prügeln, toben und dann nochmal von vorne.
Es kann doch nicht so schwer sein einem vielseitig interessiertem Kind wie Momo auch einmal alternativen anzubieten. Er bastelt gerne! Er musiziert gerne! Je nach Lust und Laune malt er gar etwas! Von solchen Aktivitäten erfahren wir im Kindergarten aber wenig bis gar nichts. Wir unterschreiben lediglich regelmäßig im Unfallbuch und sehen Schrammen, blaue Flecken und Beulen.

Eigentlich traurig, dass aus einer tollen Basisidee eine solch verkorkste Praxis geworden ist. Und nein, dieser Kindergarten macht das nicht erst seit kurzem. Seit mindestens sechs Jahren haben die es nicht geschafft sich kritisch selbst zu reflektieren und einfachste Fehler abzustellen. Es gab da ein wahrhaft episches Elterngespräch mit einer Auswahl an Erziehern in netter Runde. Davon schreibe ich aber ein anderes mal.

Und eh die Frage aufkommt, warum wir nicht wechseln wenn wir doch so unzufrieden sind: Es gibt keine wirkliche Alternative, so nach und nach sollen alle KiTas bei uns auf dieses Konzept umstellen, so dass man fast nicht davor fliehen kann. Die Wartezeiten, um in eine neue zu kommen sind ewig lang und Männie wird ab Januar die Krippe nebenan besuchen, so dass, wenn man dann irgendwann das Glück hatte vielleicht einen anderen Platz zu ergattern, es nicht gewährleistet ist einen der noch weniger vorhandenen Krippenplätze zu bekommen. Das Ergebnis sähe dann so aus: man dürfte nun 2 Einrichtungen ansteuern, was ich rein organisatorisch vor und nach der Arbeit nicht schaffen würde, da ich mich nicht zweiteilen kann, um beide Kinder gleichzeitig abzuholen.

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